Blutrote Hochzeit

#3Wörter
Festsaal, anakoluthisch, Zilpzalp

 

Blutrote Hochzeit

1

Ein Schuss zerriss die Stille der Natur. Aus den Bäumen stoben die Vögel auf und flohen kreischend in verschiedene Richtungen. Die Gäste jubelten, nachdem das Kunststoff-Reh zu Boden gekippt war.
»Teffer!«
»Guter Schuss!«
»Jawollja«
Rinis betrachtete gebannt, wie Kunstblut aus der Wunde des Rehs quoll. Sogar daran hatten sie gedacht. Das alte Gefühl von Macht stieg in ihm auf. Es folgte nach jeder Jagd und es überraschte ihn kaum, dass er es selbst jetzt empfand. Das Jagen stärkte ihn. Hielt er seine Schrotflinte in den Händen, fühlte er sich nicht länger minderwertig.
Zwei Arme legten sich um ihn. »Das war heiß«, hauchte Laura in sein Ohr.
Rinis löste sich aus ihrem Griff, drehte sich zu seiner Verlobten um und zeigte ihr sein breitestes Grinsen. »Dann musst du mich erst einmal sehen, wenn ich ein echtes Reh schieße.«
Laura schmunzelte. Rinis beugte sich zu ihr vor und gab ihr einen federleichten Kuss auf die Wange. »Als ließe ich zu, dass du so etwas siehst.«
Jetzt lächelte sie aufrichtig und presste ihren leicht geöffneten Mund auf seine verschlossenen Lippen. Grölen und Jubeln hinter ihnen. Rinis fuhr kaum merklich zusammen.
»Nehm euch ein Zimmer!«, rief jemand.
»Erst die Hochzeit, dann das Vergnügen!«, höhnte ein anderer.
»Zunge! Zunge! Zunge!«, wurde angefeuert.
Laura lief strahlend zu ihren gemeinsamen Freunden zurück. Sie tuschelte mit Klara, ihrer besten Freundin seit der Schulzeit. Rinis betrachtete die Meute, die sich langsam Richtung Kirche aufmachte. Seine Hände zitterten leicht. Er hob die Schrotflinte an die Brust und folgte den Anderen.

2

Eine Stunde später füllten sich die Bänke des Festsaals und kurz darauf erschien Laura als ein Traum in Weiß. Rinis beobachtete, wie die Blicke der Gäste auf ihr ruhten. Er schwitzte fürchterlich. Sein Handrücken war bereits mit einem dünnen Film überzogen, weil er sich damit laufend über die Stirn rieb. Es beruhigte ihn ein wenig, dass Laura jetzt die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Zum letzten Mal war er in der zehnten Klasse so angestarrt worden, als er einen Vortrag gehalten hatte, der in einem Desaster geendet war. Ständig hatte Rinis sich verhaspelt und neu ansetzen müssen. Das Gelächter seiner Klassenkameraden hörte er noch heute im Schlaf. ›Anakoluthisch‹ hatte Mutter seine Art zu sprechen genannt. Wann immer sie mit ihm unterwegs gewesen war, hatte sie jedem davon erzählt. »Mein Sohn ist anakoluthisch veranlagt«, sagte sie dann. »Wissen Sie, mein Junge ist Anakoluth.«
Rinis, der erst mit sechzehn Jahren dieses Wort nachgeschlagen hatte, hielt es bis dahin für den Ausdruck einer schrecklichen Krankheit. »Wissen Sie, ich kann nichts dafür. Ich bin an einer unheilbaren Form von Anakoluth erkrankt.« Noch heute fiel es ihm schwer, vor vielen Menschen zu sprechen. Er hoffte nur, sein Gelübde unfallfrei vortragen zu können. Warum musste Laura auch unbedingt darauf bestehen?
»Weil es romantisch ist«, hatte sie auf sein Flehen hin erwidert, sich das Eheversprechen zu geben, sobald sie unter sich wären.
Wenn er doch nur nicht so schwitzen würde.
Laura schien zu schweben. Sie bewegte sich langsam auf ihn zu. In ihrem Gesicht las Rinis, dass sie die Aufmerksamkeit genoss, die ihr zuteilwurde. Neben ihm spielte Klara den Hochzeitswalzer auf einer Geige. Links über ihm piepste etwas. Rinis ließ den Blick schweifen und entdeckte einen kleinen Vogel in einer Nische. Dieser musste hineingeflogen sein, als die ganzen Gäste eingetrudelt waren. Nun trillerte er und zwitscherte in einer Lautstärke, die Rinis die Haare zu Berge stehen ließ. Am liebsten hätte er die Geige geschnappt und sie nach dem Vogel geworfen. Die Violine klang in seinen Ohren so schrill wie Mutter, wenn sie einen ihrer Tobsuchtsanfälle bekommen hatte. Nicht selten hatte sie auf der Straße gestanden, ein halbleeres Glas Schnaps in der Hand gehalten und jeden verflucht, der am Haus vorbeigelaufen war. Rentner, Paare, Rinis Klassenkameraden …
Ein Kichern riss ihn aus seinen Gedanken. Die Blicke der Gäste ruhten auf Laura. Hatte er sich das Lachen bloß eingebildet? Du hast es fast geschafft, Rinis, alter Junge, versuchte er, sich zu beruhigen.
Viele der Anwesenden waren ihm unbekannt. Bei einem Großteil davon handelte es sich um Freunde von Laura. Er selbst hatte bloß eine Handvoll Menschen eingeladen, allesamt Jäger. Rinis warf einen kurzen Blick auf seine Flinte, die neben dem Altar an der Wand lehnte. Er stellte sich vor, sie zu halten und durch den Wald zu streifen. Den kühlen Stahl zwischen den Fingern zu spüren. Das mächtige Brüllen, sobald er den Abzug betätigte … Sofort beruhigte er sich ein wenig.
Laura trat neben ihn. Sie strahlte und sah aus wie ein Engel.
»Wow«, sagte er.
Sie kicherte, dann legte sie den Schleier nach hinten. Über ihnen zwitscherte der Vogel unaufhörlich. Hinter ihm stimmte die Geige schrill eine neue Melodie an. Rinis warf erneut einen kurzen Blick auf seine Schrotflinte. Ein Zilpzalp. Es ist ein verdammter Zilpzalp da oben. Er stellte sich vor, wie er das Vieh mit Schrot durchlöcherte und einzelne Federn zu Boden rieselten, als wären sie Schneeflocken. Lauras Stimme holte Rinis in die Wirklichkeit zurück. Sie blickte ihn fragend und gleichzeitig erwartend an. Sie alle musterten ihn. Er hatte wohl den Beginn der Zeremonie verpasst.
»Ihr Gelübde«, flüstere Pastor Klein.
Irgendeiner der Anwesenden räusperte sich. Ein Weiterer hustete. Das Violinenspiel war verstummt. Rinis wischte sich mit der Handfläche den Schweiß von der Stirn.
»Rinis?« Laura wirkte beunruhigt. Ihr Blick wanderte zwischen dem Pastor, ihm und den Gästen hin und her, ihre Wangen erröteten.
Sag was, Rinis. Sag dein verdammtes Eheversprechen auf, schallte er sich selbst. Wenn er noch länger wartete, würde Laura einen ihrer Tobsuchtsanfälle bekommen. Ihr Gesicht verzerrte sich bereits und Rinis fand, dass sie seiner Mutter immer ähnlicher wurde. Er schluckte.
»Laura«, begann er, »du bist …« Er schluckte erneut. Lauras Gesicht schien sich ein wenig zu entspannen, aber hatte nicht eben ihr Mundwinkel gezuckt? Wieder ein Husten aus Richtung der Bänke.
»Laura, du konntest … Laura, du hast mir gezeigt, was wahre Liebe bedeutet.«
Gekicher neben ihm. Rinis drehte den Kopf zur Seite und funkelte den Pastor wütend an. Dieser weitete überrascht die Augen. Oben stimmte der Zilpzalp eine Arie an. Hörte denn sonst niemand dieses verdammte Vieh? Es kreischte lauter als ein Auto, das eine Vollbremsung hinlegte. Rinis fuhr sich mit dem Handballen über die Augenbraue.
»Ich …«
Geflüster drang an seine Ohren. Rinis verengte die Augen zu Schlitzen und überschaute die Menge. Einige rutschten auf ihren Plätzen unruhig hin und her.
Langsam drehte Rinis den Kopf wieder Richtung Laura – als Lachen die Stille durchschnitt. Er fuhr zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Genau wie damals. Genau wie damals. Der Satz spukte durch seinen Verstand wie ein anschwellendes Echo. Dieses Gegacker hatte wie das seiner Klassenkameraden geklungen. Hatte er darunter nicht sogar Mutters Stimme hören können? »Er ist anakoluthisch veranlagt.«
Nein, das war unmöglich. Sie war vor einem Jahr gestorben.
Wieder ein Flüstern. Es schien über Rinis zu schweben wie eine unheilvolle Wolke. Inmitten der Reihen kicherte jemand. Rinis wirbelte herum. Gedämpft hörte er Lauras Stimme. Sie rief seinen Namen, klang aber, als befände sie sich in einem anderen Raum. Immer wieder rieb er sich über die Stirn. Der Schweiß brannte in den Augen. Die Gesichter vor ihm verzerrten sich plötzlich. Verwandelten sich in eine Mischung aus Grinsen und stummen Schrei. Die Münder weiteren sich auf groteske Weise, die Pupillen schwollen an wie die von Katzen. Die Mienen der Menschen schienen nicht einmal mehr menschlich zu sein. Sie formten sich zu unheimlichen Karikaturen.
Rinis wich zurück. Sein Körper zitterte unkontrolliert. Die Panik schnappte nach ihm, haute ihre Fänge in sein Fleisch, riss daran und tobte. Er stieß gegen irgendetwas. Ein Scheppern. Rinis blickte an sich herunter und entdeckte seine Schrotflinte auf dem Boden. Er griff sie sich, hielt die Mündung in Richtung der Monster. Vereinzelte Kreaturen sprangen auf. In weiter Ferne vernahm Rinis so etwas wie Kreischen, doch es ging fast vollständig in dem Plärren des Zilpzalps unter. In der Menge entdeckte er einzelne Rehe und Wildschweine. Rinis brüllte, schwang die Mündung nach rechts und drückte ab. Ein gewaltiger Knall fegte durch den Saal und der Zilpzalp verstummte. Rinis suchte den Kadaver des Vogels, fand ihn jedoch nicht – er musste ihn pulverisiert haben. Die Monster in den Bänken stoben auseinander wie aufgeschreckte Schmeißfliegen auf einer Leiche. Sie eilten allesamt Richtung Ausgang. Jetzt dröhnten ihre Schreie durch den Saal. Schrille, unmenschliche Laute.
»Rinis!«
Er fuhr herum. Das Ding neben ihm trug Lauras Hochzeitskleid, doch der Kopf war der einer Bache. Die lange keilförmige Schnauze schnüffelte an Rinis´ Halsbeuge. Er wich kreischend zurück und hob die Flinte. Das Wildschwein wandte sich ab, versuchte, wie die anderen Monster zu fliehen. Rinis spannte den Zeigefinger an und betätigte den Abzug. Der Knall breitete sich explosionsartig durch den Saal aus. Die Schreie verstummten abrupt in Rinis´ Ohren und ließen stattdessen ein lautes Klingeln zurück. Die Kugel traf die Bache mitten in den Hinterkopf, zerfetzte ihn. Blut und Hirnmasse wurden weggeschleudert, einige Fetzen blieben an der Wand haften. Eines der Monster griff nach Rinis´ Schrotflinte, zerrte daran. Es trug Pastor Kleins Kleidung. Dessen Gesicht zerfloss, als wäre es aus Wachs. Er versetzte dem Monster einen Stoß und noch während es zurücktaumelte, schoss Rinis ihm durch den Hals. Ein röchelnder Laut entwich der Kehle des Geschöpfs, ehe es unter konvulsivischen Zuckungen zusammenbrach.
Rinis wirbelte herum. Das Adrenalin rauschte durch seine Adern. Sein Verstand konnte nur einen einzigen Gedanken fassen: Töten. Er musste diese Monster vernichten, jeden Einzelnen von ihnen!
Die Tür des Saals blieb weiterhin verschlossen. Durch das unermüdliche Drücken der Kreaturen, die Rinis am nächsten waren, gelang es den Vorderen nicht, zu fliehen, da sich die Türen nach innen öffnen ließen. Die Wesen wurden erbarmungslos gegen die Wände gedrückt, einige stolperten, stürzten zu Boden, doch niemanden schien es zu kümmern. Die auf dem Boden liegenden Monster wurden einfach zu Tode getrampelt.
Rinis drückte ab. Die Flinte brüllte und ein Wesen mit dem Kopf eines Rehs brach zusammen. Er drückte wieder und wieder ab, sah zu, wie die Körper zerfetzt wurden und lächelte, wenn er sie regungslos am Boden liegen sah. Eine plötzliche Ladehemmung ließ ihn innehalten. Nein, keine Hemmung, die Munition war aufgebraucht. Panisch betätigte er den Abzug. Nichts geschah. Die Monster kämpften sich weiter Richtung Ausgang vor. Rinis fühlte sich wie berauscht. Er betrachtet mit einem zufriedenen Lächeln die Menge. Sollten die Kreaturen ihn nun töten, so war es ihm zumindest gelungen einige mit sich zu reißen.
Doch niemand ging auf ihn los. Sie alle schienen um ihr Leben zu fürchten. Rinis überkam ein seltsames Gefühl: Sein Magen zog sich zusammen, sein Körper zitterte und in seinem Kopf breiteten sich rasende Kopfschmerzen aus. Das Gehör kehrte langsam zurück. Er hörte wieder ihre Schreie, die jetzt gar nicht mehr so unmenschlich klangen. Sein Rausch verwandelte sich in eine Art Betäubung. Er wankte, ließ die Flinte fallen. Dann entdeckte er etwas auf dem Fußboden. Lauras Schleier. Er bückte sich und hob ihn auf, dabei fiel ihm ein Körper ins Auge.
Auf dem Boden lag seine Verlobte. Sie trug ihr Hochzeitskleid, das blutdurchtränkt war. In ihrem Kopf klaffte ein gewaltiges Loch, eine Gesichtshälfte war kaum mehr erkenntlich. Eine graue Masse lugte aus der explodierten Schädeldecke hervor. Hirnmasse! Ihr Hirn! Rinis schlug die Hände vor den Mund, taumelte. Die Welt um ihn herum drehte sich und er sank zu Boden. Wie in Trance ließ er den Blick schweifen. Einige der Leichen kannte er: Klara lag mit zerfetzter Schulter auf Höhe der ersten Sitzbankreihe. Ihr Blut hatte sich in dem Durchgang ausgebreitet, durch den Laura auf ihn zugeschritten war – schön wie ein Engel. Mit dem unversehrten Arm hielt Klara ihre Geige umklammert.
Rinis entdeckte Pastor Klein, dem ebenfalls ein Stück seines Gesichts fehlte; er bemerkte die Leichen zweier Jäger und darunter Menschen, die ihm unbekannt waren. Die Kopfschmerzen nahmen zu. Er presste die Handballen gegen die Schläfen. Ich habe sie getötet. Sie alle getötet!, kreischte sein Verstand.
Von den Monstern war nichts mehr zu sehen.
Die Menschen flohen weiterhin. Einige waren bereits entkommen. Die Türen standen offen und die Masse drängte sich hindurch, als gäbe es kein Morgen mehr. Rinis wiegte sich vor und zurück. Getötet, formten seine Lippen immer wieder, ohne, dass ihnen ein Laut entwich. In der Ferne ertönte Sirenengeheul.
Rinis hockte in einer Lache aus Lauras Blut.
Und wartete.

 

Januar 2019

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Ein Kommentar zu „Blutrote Hochzeit

  1. Jetzt habe ich es geschafft deine Kurzgeschichte zu lesen… Tja ähm was soll ich sagen. Am Anfang dachte ich „oki, klingt gut“. 👍 Aber was danach kam? Oh eine Hochzeit. Sehr gut 😬
    Alter Schwede….. Ich wusste gar nicht wie mir geschah…. Respekt 👍 solche Storys mag ich…. 😬🤗

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