Sarah

Itzo
Denomination
Silke

1

Ihre Wohnung sah sicher furchtbar aus. Warum hatte sie Marlene auch ausgerechnet jetzt zwei Wochen Urlaub geben müssen?
Etwas knisterte.
Silke bückte sich und tastete den Boden ab. Eine glatte Oberfläche ließ sie innehalten. Das musste die Chipstüte von gestern Abend sein. Vor lauter Nervosität hatte sie eine ganze Packung verdrückt. Und das, obwohl sie dieses Knabberzeug für gewöhnlich verabscheute. Olle Dickmacher! Es war ohnehin schon schwer genug, das Gewicht zu halten, wenn man sich außerhalb der eigenen vier Wände nur durch Zuhilfenahme eines Stocks fortbewegen konnte, den man vor sich hielt wie eine steife Hundeleine.
Nicht dass ihre Figur sie kümmern müsste. Silke war schließlich nicht gezwungen, sich täglich im Spiegel zu ertragen. Einer der Vorteile blind zu sein.

Einen Hund hatte sie tatsächlich mal besessen. Bär. Ihr bester und einziger Freund. Ihm war es gelungen sie durch Menschenmassen zu führen, als wären sie eine Boa, die durch den Dschungel glitt. Leider besaßen Hunde die lästige Angewohnheit meist vor ihren Haltern zu sterben und nach dem Verlust von Bär, hatte Silke es nicht übers Herz gebracht, sich einen neuen Blindenhund zu suchen. Bär war einzigartig gewesen. Der treuste Begleiter, den sie sich hatte wünschen können. Der Beste. Lieber führte sie ihren Blindenstock aus, als sich einen neuen Hund anzuschaffen, mit dem sie sich vermutlich ebenfalls anfreunden würde und der sie irgendwann ebenso verließ. Nein danke!

Ein Rumpeln riss Silke aus ihren Gedanken. Es drang aus dem Keller zu ihr herauf. Ein Karton, der umgestoßen worden war, gefolgt von eiligen Schritten.
Sie näherte sich der Kellertür und zählte im Geiste jede ihrer Bewegungen. Zwei nach rechts, um nicht gegen den Sessel zu stoßen, sieben geradeaus zum Flur und zwei nach links.
Das Zählen war ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie das Gefühl hatte, ihre Wohnung inklusive Möbel tatsächlich zu sehen. Sie bewegte sich geschmeidig und sicher Richtung Keller.

Die Tür knarrte entsetzlich und jagte Silke einen Schauder über den Rücken. Als Kind hatte sie an einer regelrechten Phobie vor diesem Raum gelitten. Noch heute wurde ihr ganz mulmig, wenn sie die alten Stufen hinabstieg, die bei jedem Schritt ächzten, als wären sie lebendig.
»Was treibst du schon wieder da unten?«, rief sie. Ihre Stimme hallte von den kahlen Steinwänden wider.
»Chaos und Zerstörung. Was sonst?«, schallte es zu ihr herauf.
»Den Keller brauche ich noch, also wüte nicht zu sehr da unten, in Ordnung?«
Eine Antwort blieb aus.
Silke rollte mit den Augen und war im Begriff umzukehren, als sie einen Windhauch spürte, gefolgt von leisen Atemlauten. Vor ihrem Unfall hätte sie sich vermutlich in die Hose gemacht, aber seid sie blind war, fürchtete sie sich nicht mehr so schnell. Ein Umstand, der ihr oft paradox erschien.
»Ich vergehe vor Langeweile«, hauchte Sarah an ihr Ohr.
»Dann komm hoch und wir trinken eine Tasse Tee. Oder auch Kaffee wenn du magst.«
»Du weißt, dass mir das nicht möglich ist.«
Silke zuckte mit den Achseln. »Hab nie begriffen wieso.«
Leises Atmen.
»Na ja, ich muss wieder hoch. Mein Besuch kommt jeden Augenblick.«
»Itzo?« Sarah wirkte entrüstet.
Silke schmunzelte. »Ja, das ist so.«
»Du weißt, dass diese Jünglinge es auf deinen Reichtum abgesehen haben?«
Das Schmunzeln erlosch.
»Womöglich sind sie Mitglieder einer obskuren Denomination.«

Silke entschied, den letzten Kommentar nicht zu beachten. »Vielleicht nicht. Und selbst wenn! Ich bin es leid ein ständiger Außenseiter zu sein. Geld habe ich genug, Freunde nicht.«
Sie machte sich auf eine Diskussion gefasst, da läutete die Türglocke. »Da sind sie!«
Halb stolpernd, halb rennend ließ sie den Keller hinter sich.
»Bring sie runter zu mir, wir würden eine Menge Spaß haben!«

Silke ignorierte Sarahs Ruf, ging im Geiste die erforderlichen Schritte zur Haustür durch und hielt direkt davor inne, um einmal tief ein- und wieder auszuatmen. Dann ergriff sie den Türknauf, drehte ihn und öffnete schwungvoll die Tür. Breit grinsend stand sie da, während der Wind ihr um die Nase wehte.
Stille.
Ein Klingelstreich?, ging es ihr durch den Kopf, ehe sie ein leichtes Rascheln hörte, wie jemand, der mit den Fingern über eine Jacke strich.
»Hi!«, sagte sie.
»Hey!«
»Moin.«
Silke hob die Hand, um sie zur Brust zu führen, weil sie fürchtete, die beiden Männer könnten das wilde Pochen ihres Herzens hören, doch sie wurde abgefangen. Der Händedruck war schlaff, die Finger schwitzig, und trotzdem durchfuhr Silke ein wohliger Schauder. Besuch! Für sie!

Das letzte Mal hatte sie einen Tag vor dem Autounfall Besuch gehabt. Damals war sie neunzehn gewesen und mehr oder minder beliebt. Sie hatte ihre Eltern gehabt, die sie liebten. Dann kam der Unfall, und mit ihm der Tod, der ihr die Familie raubte und das Augenlicht.
Seht mich an, Mama und Papa, zwanzig Jahre hat es gedauert, aber hier steht er: mein Besuch!

Erst jetzt registrierte sie, dass sie grinsend ins Leere starrte und wie eine Idiotin aussehen musste. Schnell trat sie zur Seite und streckte den Arm zu einer einladenden Geste aus. »Kommt rein, kommt rein. Fühlt euch ganz wie zuhause.«
»Danke«, sagte Hendrik. Der mit der schwitzigen Hand und dem angenehm süßlichen Duft nach Waschmitteln, der von seiner Kleidung ausging.
»Jo.« Marcel trat ebenfalls ein. Er schien nicht sonderlich gesprächig zu sein, aber bei seiner sonoren Stimme schmolz Silke dahin. Ob er wohl so aussah, wie sie ihn sich vorstellte? Groß, dunkelhaarig, mit einem Drei-Tage-Bart und Augen so durchdringend, dass man sich in ihnen verlor?
»Danke für die Einladung«, sagte Hendrik.
»Oh, sehr gerne! Ohne euch Jungs hätte ich meine Einkäufe vorgestern nie hierher schleppen können. Das war das Mindeste.«
Silke führte sie ins Wohnzimmer und brühte Kaffee auf.
»Brauchst du Hilfe, Silke?«
»Nein, danke, ich komme klar, macht es euch gemütlich. Meine Haushaltshilfe hat Urlaub, deswegen sieht es hier etwas wüst aus. Ich hoffe, das macht nichts.«
»Kein Thema«, sagte Marcel.
Hör auf zu sabbeln, sonst vergraulst du sie noch! Silke füllte vorsichtig drei Kaffeetassen auf. Mit der Zeit hatte sie gelernt, wie weit sie in der richtigen Geschwindigkeit zählen musste, um nichts überlaufen zu lassen.
Die Männer unterhielten sich gedämpft im Wohnzimmer und sie nutzte die Chance, noch einmal tief durchzuatmen. Sie wollte keinesfalls zittern, wenn sie ihnen die Kaffeebecher brachte. Verdammte Aufregung!
Marcel und Hendrik wirkten so nett! Sie hatten gesehen, wie sie sich beim Einkaufen abgequält hatte und ihr sofort angeboten, ihr die Waren nach Hause zu bringen. Ihr Vorschlag, die beiden am Samstag zu einem Kaffee zu sich einzuladen war in einem Augenblick der Schwäche entstanden, ja, doch deswegen war es noch lange kein Fehler gewesen. Manchmal fühlte sie sich so einsam, dass sie es kaum aushielt. Sie weigerte sich zu glauben, dass die beiden Jungs wie viele der Anderen, die das Gespräch mit ihr suchten, nur an ihrem Geld interessiert waren.
In Grubingen war es kein Geheimnis, dass Silke ein beträchtliches Vermögen von ihren Eltern geerbt hatte. Das erschwerte es umso mehr Freunde zu finden. Doch, wie hatte Papa immer gesagt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Silke ergriff mit der rechten Hand die Henkel von zwei Bechern und mit der linken den dritten, überlegte kurz und entschied sich doch zweimal zu laufen. Mit zwei Kaffeetassen bewaffnet schlenderte sie ins Wohnzimmer.
Marcel und Hendrik hatten aufgehört zu sprechen.
Sie stellte die Tassen auf den Tisch ab. »Hier, euer Kaffee. Lasst ihn euch schmecken!«
Stille.
Silke schob die Augenbrauen zusammen. »Jungs?«
Etwas schabte hinter ihr, sie wandte sich der Richtung zu.
»Ich weiß, dass ihr hier seid, ich spüre eure Anwesenheit. Lasst die Späße, ja?«
Noch immer erwiderte keiner der beiden Männer ein Wort und etwas in Silke zerbrach.
Sarah hatte recht behalten.
Da folgte auch schon der Stoß. Er war hart, sodass sie mit dem Knie gegen den Wohnzimmertisch stieß, aufschrie und auf dem Boden landete. Der Schmerz wütete durch ihr Bein, als stünde er in Flammen.
»Wo hast du das Geld?«, fragte Marcel über ihr. Seine Stimme klang völlig verzerrt. Sein gutes Aussehen verwandelte sich vor Silkes geistigem Auge in eine hasserfüllte Fratze.
»Sag schon«, knurrte Hendrik, »oder wir brennen alles nieder. Inklusive dir!«

Silke ließ den Kopf hängen. Eigentlich müsste sie Angst haben. Müsste traurig sein oder sogar wütend, stattdessen fühlte sie sich müde.
Sarah hatte recht behalten, dachte sie erneut.
»Der Krüppel will wohl nicht reden.« Hendrik schnaufte verächtlich.
»Im Keller«, sagte Silke, ohne den Kopf anzuheben.
»Was sagst du? Sprich lauter!«
Hitze entflammte in ihrer Brust und sie schrie die beiden an: »Im Keller!«
»Geht doch«, sagte Marcel, ehe Silke Schritte hörte, die sich von ihr entfernten.
Kurz spürte sie einen Anflug von Bedauern, dann aber erhob sie sich, setzte sich auf das Sofa, griff sich einen der Kaffeebecher und nippte daran.

Die Schreie drangen vom Keller herauf wie das Gebell eines ausgesperrten Hundes. Gedämpftes Krachen und Rumpeln gesellten sich dazu, weckten in Silke die Vorstellungen einer peinlichen Befragung zu Zeiten der Hexenprozesse.
Sie saß da und trank Kaffee. Und sie wartete. Wartete, bis die Schreie verebbten.

2

»Was hast du mit ihnen angestellt?« Silke stand mit in den Hüften gestemmten Händen auf der untersten Stufe des Kellers.
»Wir haben uns ein wenig amüsiert«, sagte Sarah.
Sie hob die Augenbrauen an.
»Ich habe sie nicht gemeuchelt, falls du darauf anzuspielen versuchst. Mein Anblick hat ihnen schon gereicht. Sie sind durchs Fenster raus.«
»Kann ich dir da vertrauen?«
Sarah stieß ein glockenklares Lachen aus. Sie musste früher einmal ein Männermagnet gewesen sein.
»Hör zu, ich habe keine Lust, dass es hier in wenigen Tagen anfängt zu stinken und die Polizei mir kurz darauf mitteilt, dass da zwei Leichen in meinem Keller verrotten. Was glaubst du, wer dann ins Gefängnis geht?«
»Hier wird es keine Leichen zu finden geben.« Jetzt klang Sarah völlig ernst. Irgendetwas in ihrer Stimme jagte Silke einen kalten Schauer über den Rücken.
»Du«, fuhr sie fort, »bist der erste Mensch, der keine Angst vor mir hat. Das ist …« Sie holte zischend Luft, so als bereiteten ihr die Worte Schmerzen. »Solange du bei mir bist, wird dir niemand wehtun, verstanden?«
Wieder breitete sich etwas Warmes in Silkes Brust aus, doch dieses Mal war es ein angenehmes Gefühl. Sie lächelte. »Ich schätze, wir sind beide gar nicht so allein, wie immer angenommen, hm?«
Sarah erwiderte nichts.
»Ich hole mir schnell einen Kaffee und dann vertreiben wir zusammen die Langeweile, in Ordnung?« Silke machte auf dem Absatz kehrt. »Wehe ich stolpere gleich doch noch über irgendwelche Gliedmaßen!«

Sarahs glockenklares Lachen erfüllte den gesamten Kellerraum. Es schwebte die Stufen empor, bis es in jedem Raum des Hauses zu hören war und sich mit der Luft zu vermischen schien. Fast so, als stimmte das Gebäude selbst mit ein.

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Ein Kommentar zu „Sarah

  1. Leiche im Keller ist schon nicht schlecht wenn sie wir sie verbergen wollen aber dann in einer Tiefkühltruhe und ein ordentliches Schloss denn es gibt Einbrecher welche sich auf Keller spezialisiert haben . Sollte mal jemand aus Spaß sagen du hast sicher eine Leiche im Keller werde ich bestimmt etwas nervös werden denn ich kenne mich .
    Sicher gehe ich dann flott wenn die Luft rein ist in den Keller nachschauen ob alles ok ist und versprühe eine Dose Klospray Flieder aus Angst man könnte was riechen . Ich muss ehrlich gesagt einräumen ich habe quasi die ganze Geschichte vergessen und das einzige Detail an das ich mich erinnern kann ist ein Becher Kaffee und zitternde Hände .

    Liken

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