Der Ruf des Schwans

Triggerwarnung:

Achtung, in der nun folgenden Geschichte gibt es einen narzistischen und sardistischen Arschlochmenschen, den der Gedanke an Tierquälerei erfreut.

Pantomime
Flügel
Kubismus

Der Ruf des Schwans

1

Kelvin Todd bemerkte die Pantomime, als er auf dem Wochenmarkt Bananen kaufte. Sie wartete am Straßenrand in gebeugter Körperhaltung und schlaff herabhängenden Armen und schaute zu ihm herüber.
Er dachte sich nicht viel dabei, auch wenn sie ihm unheimlich erschien. Doch sobald er um die nächste Ecke gebogen war, hatte er sie bereits vergessen.
Kelvin schlenderte die schmale Straße entlang, die in seine Siedlung führte. Eine Katze sprang neben ihm auf die Mauer, begleitete ihn ein Stück, ehe sie ihn argwöhnisch musterte und mit einem Satz im Gebüsch verschwand.
Er stellte sich vor, wie er ihr das Genick brach und schwang die Tüte mit den Bananen vor und zurück, so als wäre sie ihr lebloser Körper in seiner Hand.
Er lächelte dabei.

2

Kelvin unterdrückte ein entnervtes Stöhnen und gähnte stattdessen. Verstohlen betrachtete er Lisas Profil. Sie schien nichts bemerkt zu haben. Seit einer gefühlten Ewigkeit überschwemmte sie ihn mit einer Klugscheißertirade über Pinselführungen und Farbtöne.
Kelvin nickte und lächelte. Doch auf ihn wirkten die Gemälde wie Gekritzel, das fünfjährige Kinder ihren Müttern schenkten. Kubismus, uii. Was für ein Schrott.
Lisa redete weiter und weiter. Sie quietschte und sprang auf ein Bild zu, das ihrer Reaktion nach, die erste detailgetreue Zeichnung von Gott selbst hätte sein können; für Kelvin war es ein quadratischer Fleck auf weiteren Flecken und Quadraten.
Er drehte sich im Kreis, gähnte erneut und hielt dann inne. In der Ecke des Museums hing ein Gemälde, das seine Aufmerksamkeit erregte. Es zeigte eine Gestalt mit weißer Farbe im Gesicht. Es passte in keiner Weise zu den restlichen Kunstwerken des Museums. Der Hintergrund bestand aus einem grauschwarzen Strudel. Die Gestalt erweckte den Eindruck, als könnte sie jeden Augenblick den Kopf nach vorne recken und aus dem Rahmen treten. Eine Pantomime, dachte er.
Kelvin fühlte sich wie betäubt. Es gelang ihm nicht, den Blick abzuwenden, wo nur hatte er dieses Gesicht schon einmal gesehen? Plötzlich blinzelte sie. Kelvin wich zurück, keuchte und tastete mit der Hand nach Lisa, doch statt sie zu berühren, fuchtelte er nur wild in der Luft herum. Er hörte ihren Redeschwall. Sie war bereits zum nächsten Gemälde gewandert.
Kelvin konzentrierte sich wieder auf die Pantomime und verengte die Augen zu schlitzen. Er verharrte mehrere Minuten ohne, dass sich etwas veränderte. Jetzt kam er sich albern vor. Er bleckte die Zähne, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging zu Lisa, die seine Abwesenheit nicht einmal bemerkt hatte.

3

Kelvin schlenderte am Ufer des Kanals entlang. Die Sonne krabbelte auf den Horizont zu und wurde langsam von ihm verschlungen.
Lisa war mal wieder zickig gewesen und hatte ihn nicht mit sich nach Hause nehmen wollen. Einen Kunstbanausen hatte sie ihn genannt. Weiber!
Vielleicht würde er zumindest auf ein paar Enten treffen, die er treten könnte. An diesem Kanal hatte er schon viele spaßige Dinge erlebt.
Kelvin ließ den Blick zum Wasser schweifen und grinste. Zum Beispiel mit dem Welpen, den er darin ertränkt hatte. Ein räudiger Kläffer.
Die Erinnerung daran erregte ihn und er verfluchte Lisa für ihr prüdes Verhalten. Weiber!
Vielleicht hätte er ihren Kopf unter Wasser drücken sollen. Solange, bis sie flehen und flennen würde, bis sie sich wünschte, sie hätte nicht nein zu ihm gesagt. Bis sie lernte, dass sie ihm zu gehorchen hatte.
Etwas knackte hinter ihm – ein brechender Zweig. Kelvin wandte sich um. Niemand da. Dennoch hatte er das Gefühl, als fuhren ihm eiskalte Finger über den Rücken. Da fiel es ihm ein. Die Gestalt in dem Gemälde hatte genauso ausgesehen, wie diese unheimliche Pantomime am Straßenrand.
Wieder brach ein Zweig. Jetzt Mal links von ihm. Er entdeckte einen Schwan. Das Tier watschelte in seine Richtung und einer der Flügel stand in einem seltsamen Winkel vom Rest des Körpers ab.
Kelvin grinste. Genau, was er brauchte. Er würde diesem gefiederten Miststück in den weißen Hintern treten. Er erschauerte leicht, bei dem Wort ›weiß‹, verdrängte das Unbehagen jedoch und schlenderte mit ausgebreiteten Armen auf den Schwan zu. »Hallo, du dreckiges Mistvieh, soll ich dir eine Abreibung verpassen? Komm nur her, na komm.«
Der Vogel hielt inne und betrachtete Kelvin mit einem Ausdruck, der so etwas wie Intelligenz vermuten ließ.
Kelvin stockte einen Moment. Was war nur mit ihm los? Er ließ sich doch sonst nicht so schnell verunsichern. Diese verdammte Pantomime!
Er hatte diese sogenannten Künstler schon als Kind gehasst. Ganz besonders den einen, der ihm einen roten Luftballon gereicht hatte, als er fünf Jahre alt gewesen war. Die Pantomime hatte sich zu ihm heruntergebeugt. Dann hatte sie die Lippen zurück geschoben und eine Reihe schwarzfleckiger Zähne entblößt. Während sie ihm zuzwinkerte hatte Kelvin für einen Moment geglaubt, ihre Augäpfel hätten sich in schwarzes Öl verwandelt.
Er war zurückgewichen und hatte danach nie wieder rote Luftballons in die Hand nehmen wollen.
Der Schwan stieß ein Fauchen aus, wodurch Kelvin zusammenfuhr. Er wurde so ruckartig aus den Gedanken gerissen, dass er über die eigenen Füße stolperte und auf die Knie fiel.
»Du verfluchtes …« Ihm blieb der Satz im Halse stecken. Grauen erfasste ihn, als er die Gestalt erblickte, die nun anstelle des Schwans vor ihm stand. Die Pantomime schaute auf ihn herunter. Sie öffnete den Mund zu einem Grinsen und entblößte verrottete Zahnstummel, in der Hand hielt sie einen roten Luftballon.
Kelvin wich zurück, rappelte sich auf, stürzte erneut und kämpfte sich abermals auf die Beine. Sein Körper hatte sich in einen muskel- und knochenlosen Sack verwandelt und das Herz schlug ihm so heftig in der Brust, dass es die aufkeimende Panik nur verstärkte.
Er sprintete los. Lieber einen Herzinfarkt erleiden, als von diesem Irren ermordet zu werden! Kelvin wagte einen Blick über die Schulter, um abzuschätzen, wie viel Vorsprung er hatte und kam strauchelnd zum Stehen.
Die Pantomime war verschwunden. Stattdessen hockte wieder der Schwan im Gras und starrte ihn an. Sein Flügel schien nicht länger gebrochen zu sein. Er spreizte beide Schwingen von sich, so als setzte er zum Flug an.
Kelvin hatte genug gesehen. Er rannte davon.

4

In der Nacht schlief er unruhig. Er träumte von einer Pantomime, die ihn durch eine enge Gasse jagte. Dabei stieß sie seltsame Laute aus, die an Tierstimmen erinnerten.
Schatten dieser Stimmen suchten ihn selbst den Tag über noch heim.

5

Wenn Kelvin in seinem Leben eines gelernt hatte, dann, dass der Mensch in der Nahrungskette an der Spitze stand und Tiere einzig existierten, um ihm zu dienen.
Vor einigen Jahren hatte er mal in einer Zeitschrift gelesen, dass die Menschen ebenfalls zu den Tieren zählten. Da hatte er gegrinst und gedacht: Das trift tatsächlich auf viele Leute zu.
Doch nicht auf ihn. Er war für etwas Größeres bestimmt, für eine Position mit Macht!
Seinen ersten Hund hatte er mit zwölf Jahren getötet. Das Vieh hatte mit dem Schwanz gewedelt, sogar noch, während das Rattengift sich durch den fellbedeckten Körper fraß. Diesen Anblick hatte Kelvin nie vergessen können. Ein Leben, beendet durch seine Hand! Und auch, wenn er nicht an die Existenz eines Gottes glaubte, hatte er sich ihm in diesem Augenblick ebenbürtig gefühlt.
Jetzt allerdings fühlte er sich wie ein Tier.
Die Pantomime verfolgte ihn. Sie wartete vor dem Schaufenster, als er sich Bier kaufte, sie stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, als er nach Hause eilte und selbst eingeschlossen im Badezimmer, spürte er ihren stechenden Blick auf sich.
So hockte Kelvin da, das Gesicht in den Händen vergraben. Die Luft schien immer dünner zu werden, seine Kleidung engte ihn ein. Er schreckte auf, weil sich ihm geisterhafte Schritte näherten.
Er musste hier raus! Im Haus war es ein Leichtes ihn zu erwischen! Hier würde ihn niemand schreien hören. Also rannte Kelvin davon, machte sich nicht einmal die Mühe, die Tür hinter sich zu schließen.
Am Straßenrand wartete sie bereits auf ihn. Wieder stand die Pantomime in leicht vorgebeugten Haltung da, mit schlaff herabhängenden Armen und starrem Blick.
Er wandte sich nicht um. Kelvin floh mit wild klopfendem Herzen und einer Luftröhre, die sich in einen Strohhalm verwandelt zu haben schien. Er schnaufte und japste, doch auch, während sich ein schmerzhaftes Stechen in seiner Seite ausbreitete, blieb er nicht stehen.
Hinter sich hörte er das Fauchen eines Schwans.

6

»Oh nein! Nein!« Kelvin hämmerte mit den Fäusten gegen kahle Steinwände. Er war direkt in eine Sackgasse gehastet. Wie hatte er so dumm sein können? Er kannte Grubingen wie seine Westentasche, jeden Winkel, jede Straße. Wie hatte er so einen Fehler machen können?
Ein neuerliches Fauchen ließ ihn zusammenfahren. Kelvin wirbelte herum. Er presste sich gegen die Wand, als er den Schwan erblickte, der in 50 Metern Entfernung auf dem Boden hockte. Wieder breitete das Tier die Flügel aus. Es öffnete den Mund, um einen Laut auszustoßen, der einem menschlichen Schrei ähnelte und Kelvin einen Schauder nach dem anderen über den Rücken jagte.
Da erinnerte er an den Schwan. Er war ihm vor einer Weile im Stadtpark begegnet. Es war ein frischer Frühlingsmorgen gewesen, die Sonne hatte geschienen und der Vogel war den Pfad entlang gewatschelt. Hinter ihm trotteten zwei Jungen. Kelvin war mit dem Fahrrad unterwegs. Er lächelte, während er auf sie zu radelte.
Kurz bevor er mit den Tieren kollidiert war, hatte der Schwan sich ihm zugewandt und die Flügel ausgebreitet, um seine Jungen zu beschützen. Vergeblich.
Kelvin presste sich stärker gegen die Wand, blinzelte und plötzlich stand nicht länger der Vogel vor ihm, sondern die Pantomime. Sie starrte ihn aus toten Augen an. Die Lippen bewegten sich. Formten eine pulsierende Sinuskurve. Irgendetwas stimmte nicht damit. Das Gesicht der Kreatur schien zu zerlaufen. Wie ein Eis, das zu lange unberührt blieb.
Kelvin wurde abwechselnd heiß und kalt. Das Blut rauschte durch seine Ohren und sein Körper fühlte sich taub und schwerfällig an. Er probierte sich stärker gegen die Wand zu pressen, doch sie bot keinen Schutz, nur Kälte, die durch den Rücken in die Gedärme drang wie ein Parasit.
Das Gesicht der Pantomime veränderte sich. Es verwandelte sich zunächst in das eines Hundes, bevor es sich erneut verformte und die Züge einer Katze annahm. All die Tiere, denen Kelvin jemals Leid zugefügt hatte, erschienen. Nur eines blieb, wie es war: Der starre Blick der Pantomime, leer und tot, der auf Kelvin gerichtet war wie ein Fallbeil, das über seiner Kehle schwebte.
Kelvin schnappte nach Luft. Der Sauerstoff schien vor ihm zurückzuweichen. Die Welt sich zu drehen. Er wankte. Sah noch, wie die Pantomime sich ihm langsam näherte. Ein seltsamer Ausdruck spiegelte sich mit einem Mal in ihrer Mimik wieder. Enttäuschung?, dachte er, ehe tiefe Dunkelheit ihn umfing.

7

Kelvin kam auf den Pflastersteinen zu Bewusstsein. Benommen sah er sich um, ehe der Grund für seine Ohnmacht ihn mit der Macht einer Dampfwalze überrollte. Mit einem Satz sprang er auf die Beine. Erneut tastete die Dunkelheit mit langen Fingern nach ihm, doch es gelang ihm, ihr zu entkommen.
Hastig huschten seine Pupillen umher. Er war allein.
Ein Traum?
Unmöglich.
Etwas streifte Kelvins Bein. Er wich zurück und stieß dabei einen spitzen Schrei aus, für den sein Vater ihn zu dessen Lebzeiten windelweich geprügelt hätte.
Es will mich bei vollem Bewusstsein erwischen, kreischte sein Verstand. Doch nicht die Pantomime hatte ihn berührt. Sondern eine Katze.
Sie sträubte ihr Fell und fauchte.
Kelvin öffnete den Mund, um sie zu beschimpfen, schloss ihn jedoch direkt wieder. Irgendetwas an den Augen des Tiers gefiel ihm nicht. Kalter Schweiß breitete sich auf seiner Stirn aus.
Das Tier entspannte sich. Es strich um sein Bein und maunzte. Kelvin erstarrte. Ließ es geschehen. Da wandte die Katze sich ab. Mit erhobenem Schwanz stolzierte sie davon.
Kelvin sog zischend Luft ein. Vielleicht hatte er sich alles doch bloß eingebildet? War das möglich? Er entspannte sich ein wenig.
Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar und verzog das Gesicht. Angewiedert betrachtete er die schweißbedeckten Finger. Er wischte sie sich am Hosenbein ab und wollte sich auf den Heimweg machen.
Da hörte er es.
Das Geräusch eines Vogels, der auf dem Boden landete. Eines großen Vogels.
Kelvin zitterte.
Hinter ihm fauchte der Schwan.

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