Auf Drohnenjagd

August 2019: Massenbedarf, Drohne, Staatsquote

1

»Ich habe letzte Nacht eine Drohne gesehen.« Julian streckte sich und gähnte.
»Ja klar.« André nippte am Kaffeebecher. Typisch! Eben erst waren sie aufgestanden und schon fing sein Bruder wieder mit irgendwelchen Verschwörungstheorien an. Drohnen, die die Menschen ausspionierten, und George Bush, der in Wahrheit ein Echsenmann aus dem Weltall war. Julian glaubte sie alle.
»Das ist mein voller Ernst. Ich saß gestern mit dem Fernglas am Fenster und da tauchte plötzlich dieses Ding auf. Sah aus wie ein großes Insekt. Es schwebte eine Weile in der Luft und verschwand dann im Wald.«
»Und könnte es sich bei dem Insekt nicht um ein Insekt handeln?«
Julian erwiderte nichts, also fuhr André fort: »Ich sollte dir das Fernglas wegnehmen. Die Nachbarn beschweren sich schon über dich. Sie denken, du stalkst ihre 13-jährige Tochter.«
Julian schnaufte und biss in sein Käsebrot. Nach einer Weile sagte er: »Die Drohne wollte uns bestimmt ausspionieren. Vielleicht hat die Regierung …«
»Och, ich bitte dich! Es gibt nicht umsonst eine Drohnen-Verordnung. Was du da gesehen haben willst, war das, wonach es aussah: ein Insekt. In unserem Kaff fliegen bestimmt keine von der Regierung ausgesandten Spionageroboter herum und selbst wenn dem so wäre, warum sollten sie gerade uns ausspionieren? Hör auf, dich in diesen Verschwörungstheorien-Foren aufzuhalten, und konzentriere dich auf das reale Leben.« André schlug mit der Faust auf den Tisch. Das Geschirr klapperte und etwas Kaffee schwappte über.
Er schämte sich sofort.
Der Tod ihrer Eltern war gerade erst ein paar Monate her und die Internetforen schienen zur Zeit die einzige Ablenkung zu sein, die Julian aufheitern konnte. Sollte er ruhig mit einem Fernglas nach Außerirdischen Ausschau halten und mit Gleichgesinnten über skurrile Dinge diskutieren, er schadete doch keinem damit. Aber vor allem war er nicht allein.
Also warum regte er sich so auf? Warum freute er sich nicht einfach für seinen Bruder? Aus Neid, weil er selbst niemanden zum Reden hatte?
»Du bist so ein Arschloch, André. Warum hältst du alles, was ich sage für lächerlich? Wir sind keine Kinder mehr. Ich bin nicht mehr der kleine Junge, der Angst hat, von dem Monster im Schrank gefressen zu werden. Ich dachte, nach allem, was war, könnten wir endlich miteinander auskommen. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Ich hätte nie bei dir einziehen sollen.« Julian legte sein Brot auf den Teller und schob den Stuhl zurück.
»Warte! Das war blöd, ich bin nur … ich bin mies drauf und habe meine Laune an dir ausgelassen. Das ist scheiße, bitte entschuldige. Ich möchte auch, dass wir uns besser verstehen.«
Julian drehte sich zu ihm um. »Du bist immer mies drauf, André. Es ist, als gibst du jedem die Schuld am Tod unserer Eltern und ganz besonders mir.«
»Was? Nein, ich …«
»Lass dir dein Frühstück schmecken.« Mit diesen Worten stapfte Julian aus dem Haus. Die Tür schlug krachend zu.
André stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen. Er hatte mal wieder alles vermasselt. Wie immer.

2

Julian kehrte erst am späten Nachmittag zurück.
André atmete tief durch, ehe er zum Sprechen ansetzte. »Ich hab mir Sorgen gemacht, du hattest dein Handy nicht bei dir.« Er war überrascht, wie gut es ihm gelang, ruhig zu bleiben.
Julian antwortete nicht. Er ging an ihm vorbei in sein Schlafzimmer und knallte die Tür zu.
André grinste leicht. Kein Kind mehr, hm? Er klopfte an und trat ein.
»Schon mal was von Privatsphäre gehört?«, fragte Julian. Er saß auf dem Bett und zog sich die Schuhe aus.
»Hast du heute Abend schon was vor?«
Julian sah auf. Eine Augenbraue skeptisch erhoben.
»Ich dachte mir, du könntest vielleicht dein Fernglas einpacken und mich von der Drohne überzeugen.«
»Du willst mit mir auf Drohnenjagd gehen?«
»Ich möchte Zeit mit meinem Bruder verbringen und wenn du sagst, das Ding war kein Insekt, dann glaube ich dir.«
Julian zuckte die Achseln. »Vielleicht war es ja doch eins. Bin mir selbst nicht mehr sicher.«
André kicherte. »Dann finden wir es heraus.«
Da grinste Julian, und zum ersten Mal seit dem Unfall, wirkte es aufrichtig. André erkannte unter den Lachfältchen und dunklen Augenringen seinen kleinen Bruder, der ihn früher dauernd in den Wahnsinn getrieben hatte und den er dennoch mehr geliebt hatte, als jeden anderen Menschen auf der Welt. Er konnte sich nicht erinnern, warum sie sich mit den Jahren auseinandergelebt hatten und plötzlich wünschte er sich, ihre alte Verbundenheit zurück.
Es gab jemanden, mit dem er über den Verlust sprechen konnte und dieser Jemand saß hier vor ihm.
»Ich mach uns Abendessen und dann brechen wir auf ins Abenteuer!«

3

»Und deswegen sind Wörter wie Massenbedarf und Staatsquote …«
»Okay!« André knuffte Julian in die Schulter. »Ich hab’s kapiert, können wir jetzt einfach diese Drohne suchen?«
Es war kalt. Aber zumindest regnete es nicht. Die Bäume hatten bereits den Großteil ihrer Blätterkleider abgelegt, daher erreichte das fahle Licht des Mondes sogar den Waldboden und verwandelte den Ort in ein gespenstisches Wunderland.
Julian hatte nicht einmal seine Taschenlampe eingeschaltet. André jedoch fühlte sich sicherer mit dem zusätzlichen Lichtstrahl. Wälder waren ihm unheimlich und erst recht in der Nacht. Neben ihm raschelte etwas und hinter ihm knackte ein Zweig. Es kostete ihn alle Konzentration, die Lampe ruhig zu halten. Als ein Uhu seinen Ruf ausstieß, gelang es ihm gerade noch so, einen spitzen Schrei zu unterdrücken. Warum hatte er die Idee, mit seinem Bruder im Finstern in den Wald zu gehen, noch gleich als gut befunden?
»Da!«, sagte Julian. Er wirkte aufgeregt und stieß André so kräftig in die Seite, dass der beinahe in einen Busch gestürzt wäre.
»Da ist sie!«
André rieb sich die schmerzende Stelle und blickte in die Richtung, in die Julians Finger zeigte. Er schob die Augenbrauen zusammen. Tatsächlich! Dort hinten schwebte irgendetwas, dass wie ein großes Insekten-Roboter-Ding aussah. Es hatte einen langen Rumpf und zwei Arme mit Rotoren, die in ihrer Bewegung wie ein Schwarm Wespen klangen.
»Du hattest recht«, sagte er und hörte sich dabei überraschter an als beabsichtigt.
Julian stieß einen triumphierenden Laut aus. »Komm schon.«
Sie eilten auf das Insekten-Roboter-Ding zu, doch wer auch immer die Drohne steuerte, schien die beiden Brüder bemerkt zu haben, denn sie verschwand tiefer in den Wald.
Julian legte einen Zahn zu.
»Warte!«, rief André und verfluchte jede einzelne Zigarette, die er in den letzten Jahren geraucht hatte.
Gerade als er fürchtete, seinen Bruder verloren zu haben, sah er Julian zwischen zwei kahlen Bäumen stehen.
»Himmel, Julian, ich hänge dir nochmal ein Glöckchen um den …«
Julian hielt ihm die Handfläche ins Gesicht und befahl ihm so, still zu sein, dann winkte er ihn zu sich.
André seufzte und überlegte noch, wie er angemessen verpackte, dass er nicht gerne so unhöflich zum Schweigen gebracht wurde, als er sie sah.
Ein ganzer Schwarm Drohnen – 30, vielleicht 40 von ihnen – schwebte auf einer Lichtung. Ihre metallenen Gehäuse funkelten geheimnisvoll im fahlen Mondlicht, doch etwas stimmte nicht. Obwohl ihre Propeller rotierten, hörte man nichts als das Flüstern des Windes. André ließ den Blick über die Lichtung schweifen und blieb an einem seltsam geformten Baumstumpf hängen. Er war klein und rundlich geformt wie ein …
Mann?
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihm aus. »Lass uns verschwinden, okay?«, sagte er, ohne den Blick von dem vermeintlichen Stumpf zu nehmen. Hatte der sich gerade bewegt oder war das bloß Einbildung gewesen?
Julian dachte gar nicht daran, zu gehen. Er trat auf die Lichtung hinaus und ließ sich von den Drohnen umschwirren.
»So so«, erklang eine rostige Stimme, bei der sich André die Nackenhärchen aufstellten. Der Baumstumpf bewegte sich und aus dem Schatten trat ein dicklicher Mann hervor.
»Wie ich sehe, habt ihr meine Schützlinge gefunden.« Er trug grüne Kleidung und einen langen braunen Mantel, der über den Boden ragte und mit ihm zu verschmelzen schien. Das Haar stand ihm zu berge und seine Kopfform war im Kontrast zum rundlichen Körper lang und knochig. Der Mann besaß ein freundliches Gesicht, gütig, doch seine Stimme fuhr André durch Mark und Bein. Sie klang so, als wäre sie nicht von dieser Welt.
»Was ist das hier? Julian komm her! Wer sind Sie?«
Julian hörte nicht auf ihn. Er umkreiste eine der Dohnen und schien wie verzaubert.
»Mein Name ist Alberich«, krächzte der Mann. Er streckte den Arm aus und bewegte ihn langsam von links nach rechts. »Und das sind meine Sylphen.«
André sah zu Julian und überlegte, wie sie am schnellsten von hier wegkamen, da bemerkte er, dass etwas anders war. Die Drohnen hatten ihre Gestalt verändert und wirkten nun beinahe menschlich. Langes, blondes Haar reichte ihnen bis weit über den Rücken. Sie besaßen frauliche Körper, doch die Gesichter der Wesen waren ausdruckslos und ohne Form. Weder weiblich noch männlich und alle gleich wie Klone.
»Sie können so gut wie jede Gestalt annehmen«, fuhr der Mann mit der eigenartigen Stimme fort. »Sie sind wie der Wind: Ungezügelt, an keine Form gebunden, sie sind sanft oder brausend, ein kühler Lufthauch oder ein rasender Sturm. Sie haben die Bienen zu den Blumen geführt, haben euch Abkühlung geschenkt, wenn die Sonne unbarmherzig auf euch niederbrannte, doch nun haben sie genug von euch.«
Die Güte war vollständig aus seiner Mimik verschwunden, stattdessen war sie blankem Zorn gewichen.
»Sie haben euch lange genug bespitzelt und auf Besserung gehofft«, fuhr er fort. »Ihr Menschen mit euren Kraftfahrzeugen und Flugmaschinen. Mit euren Kraftwerken und all dem Müll. So viel Müll! Ihr verpestet die Luft und damit den Lebensraum meiner Sylphen. Ihr verdreckt die Meere und rodet die Wälder. Das dulden wir nicht länger! Die Menschheit gehört ausgerottet!«
Julian schrie auf. Eine der Kreaturen schwebte vor seinem Gesicht. Sie hatte den Mund weit geöffnet und eine transparente, gasförmige Substanz trat aus Julians Rachen und Nase aus. Sie wurde von dem Wesen eingesogen. Julian röchelte, e fasste sich an die Kehle.
André konnte sich nicht bewegen, sein Körper gehorchte ihm nicht. Ihm war, als wäre er in einem Albtraum gefangen. Alles was ihm gelang, war immer wieder den Namen seines Bruders zu brüllen. Er sah zu, wie Julian auf die Knie fiel und kurz darauf zusammenbrach.
Da wandten sich ihm die Kreaturen zu. Sie starrten ihn aus toten Augen an. Endlich gelang es ihm, sich zu bewegen und André rannte davon. Hinter sich hörte er Alberich etwas rufen und spürte, dass die Sylphen ihm dicht auf den Fersen waren. Äste schlugen ihm ins Gesicht und unsichtbare Gestalten schienen ihm immer wieder ein Bein zu stellen, damit er strauchelte.
Der Waldrand kam in Sicht. Er rannte weiter, auch noch, als er den Wald hinter sich ließ. Trotz einem schmerzhaften Stechen in der Seite und seinen Beinen, die schwerer und schwerer wurden, blieb er nicht stehen. Die Gewissheit, dass diese Kreaturen ihn jagten, beflügelte André.
Da tauchte seine Wohnung auf. Statt auf die Haustür steuerte er auf die Garage zu. Er tastete in der Jackentasche nach dem Haustürschlüssel und dem daran befestigten Garagenschlüssel. Er drückte den Knopf der Funkfernbedienung und das Tor öffnete sich mit lautem Knarren.
André blickte hinter sich. Noch waren die Kreaturen nicht in Sicht, doch hörte er nicht in der Ferne einen Schwarm Wespen surren?
Er stürmte ins Haus und nahm sich den Autoschlüssel. Dann schloss er den Wagen auf, setzte sich hinter das Lenkrad und startete den Motor.
Die Drohnen erschienen, steuerten genau auf ihn zu. Sie flogen mit hoher Geschwindigkeit über die Straße und prallten krachend in die Karosserie und hinterließen große Dellen. Erste Risse entstanden in den Fenstern.
Nur noch ein bisschen, halte durch, altes Mädchen, flehte er den alten Ford Kombi an.
Am Straßenrand stand Alberich. Er bleckte die Zähne und beobachtete alles mit großer Genugtuung. Als die letzte Drohne in die Garage geflogen war, lächelte André ihn an.
Er drückte auf den Knopf der Fernbedienung und das Tor schloss sich quietschend. Alberichs Gesichtsausdruck verwandelte sich zunächst in Überraschung, dann in einen Ausdruck von wilder Raserei, ehe er nicht mehr zu sehen war.
André trat auf das Gaspedal und binnen kürzester Zeit waren sie von einer Abgaswolke umgeben. Die Drohnen nahmen ihre feenartige Form an, hielten sich die Köpfe und stießen schrille Schreie aus. Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu betrachtete André, wie sie zusammenschrumpften, sich ihre Haut in Pergament verwandelte und scheinbar alle Flüssigkeit aus ihren kleinen Körpern gesogen wurde, ehe sie zu Staub zerfielen.
Die Abgase strömten ins Auto. André hielt sich den Arm vor Nase und Mund, doch das Gas ließ sich nicht abhalten, raubte ihm den Atem. Die Welt verschwamm vor seinen Augen; es gelang ihm gerade noch, den Motor abzuschalten, bevor die Ohnmacht ihn vollständig in die Dunkelheit zog.
André stolperte aus dem Wagen, öffnete die Garagentür und atmete gierig die frische Luft ein. Alberich war verschwunden.
Er sah sich um. Kein Laut war zu hören, niemand in Sicht. Er war allein. Sein Husten verwandelte sich in unkontrolliertes Schluchzen und Tränen rannen ihm die Wangen hinab.
Julian …
André ließ sich auf die Seite fallen und zog die Beine an. So blieb er liegen und weinte.

4

Julian blieb verschwunden. Die Polizei stellte die Suche nach einer Weile ein und auch die hilfsbereiten Bürger, die sich bereit erklärt hatten nach ihm zu suchen, gaben nach und nach auf.
André wusste, dass sie ihn niemals finden würden. Doch, dass Julian offiziell als vermisst galt, schenkte ihm Trost. Er wollte daran glauben und die schreckliche Wahrheit verdrängen. Manchmal stellte er sich vor, wie Julian mit einem Rucksack durch die Gegend streife und mit seinem Fernglas in den Himmel starrte, auf der Suche nach Leben außerhalb des Planeten.
Irgendwann würde André daran glauben. Eines Tages würden ihn nicht mehr die Bilder von der gasartigen Substanz heimsuchen, die aus Julians Kehle ausgetreten war. Er würde ihn für vermisst halten, so wie alle anderen. Von zuhause fortgegangen, weil sein Bruder ihn nicht ernst genommen hatte. Davongelaufen, um zu beweisen, dass er recht hatte, dass all die Verschwörungstheorien, an die er so fest glaubte, der Wahrheit entsprachen. Und André würde sich ewig die Schuld an Julians Verschwinden geben, doch das war okay. Es war besser so. Besser als der Tod.
Im Internet fand er ein Plakat, auf dem Julian abgebildet war. »Vermisst« stand dort als Bildunterschrift. Er druckte es aus und hängte sich das Bild in sein Arbeitszimmer.
»Eines Tages werde ich es glauben.«

5

André saß auf der Bettkante und starrte in seine leeren Handflächen. Mit jedem Tag fühlte er sich antriebsloser. Julian hätte ihn aufheitern können oder er hätte ihn solange genervt, bis er ihm an die Gurgel gegangen wäre.
André schnaufte. Eine Träne landete in der Hand und zerlief.
Da hörte er ihn.
Draußen rief jemand seinen Namen. André sprang auf. »Julian? Julian, bist du das?« Das hatte eindeutig nach ihm geklungen.
Er eilte zum Fenster und öffnete die Jalousie. Am Straßenrand entdeckte er eine Gestalt und kalter Schweiß legte sich über seine Stirn. Die Gestalt stand im Schatten verborgen, klein und dicklich mit Haaren, die in alle Richtungen abstanden wie das Geäst eines Baumes.
Hinter sich spürte er einen Luftzug. Dann erklangen die Rotoren.

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