Hast du dich verlaufen?

(Die drei Wörter für den September lauten: Eisenbahn, schlichten, Kaninchen)

 

Erdal schlang die Arme um den Körper und stolperte einen Pfad entlang, den er nicht sehen konnte. Stille umgab ihn, die einzig von seinen knirschenden Schritten durchbrochen wurde.
Der Nebel war aus dem Nichts aufgetaucht. Hatte sich ausgebreitet wie eine schwärende Krankheit und alles Leben verschlungen. Nun wirkten die wenigen Bäume, die den Pfad säumten, wie Geschöpfe einer anderen Welt, die regungslos verharrten, so als warteten sie auf einen Riss zwischen den Dimensionen.
Erdal betrachtete den Himmel. Von der Sonne fehle jede Spur. Selbst über ihm gab es nichts als Nebel. Nie zuvor war er von solch einem Dunst umgeben gewesen.
Eben noch hatten kleine Diamanten auf der Wasseroberfläche des Sees gefunkelt. Sonnenstrahlen wärmten sein Gesicht, blendeten ihn, sodass er die Augen schloss und sich entspannte. Und einen Wimpernschlag später, hatte Erdal mit klappernden Zähnen im Gras gelegen und war seiner Orientierung beraubt worden.
Wie lange hatte er geschlafen?
Er tastete die Hosentasche nach seinem Handy ab und erinnerte sich, dass er es zuhause gelassen hatte. Er hatte ein paar Stunden für sich gebraucht. Nur weil ihm die Muße gefehlt hatte, einen Streit zu schlichten, der nicht mehr zu schlichten war. Ellie und er wussten beide, dass ihre Ehe gescheitert war und trotzdem hielten sie aus Sentimentalität daran fest. Sechzehn Jahre ließ man nicht so einfach hinter sich.
Jetzt wäre ihm sogar ein Streit lieber gewesen, als hier herumzuirren.
Es schien, als nähme der Pfad überhaupt kein Ende. Erdal ging und ging und nichts änderte sich. Ihm war, als liefe er im Kreis.
Er zwang sich, tief durchzuatmen. Jetzt bloß nicht durchdrehen. Der See lag quasi hinter seinem Haus. Ein Fußweg von zehn Minuten, nicht mehr. Wenn er die Augen offen hielt, würde er schon bald die ersten Dächer erspähen und kurz darauf den Schlüssel ins Schloss seiner Wohnungstür stecken, wo Ellie ihn mit in den Hüften gestemmten Händen und hochgezogener Augenbraue erwartete. »Wie kannst du nur, ohne eine Möglichkeit dich zu erreichen, das Haus verlassen?«, würde sie schimpfen und er täte es ab und gleich darauf würde das Geschrei folgen.
Er sah nach links und entdeckte eine Gestalt. Klein und zierlich, wie die eines Kindes. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er blieb stehen und betrachtete es eine Weile mit wachsendem Unbehagen. Die Haltung des Kindes gefiel ihm nicht. Es bewegte sich kein bisschen, so als wäre es (tot) eine Statue.
»Hast du dich verlaufen?«, fragte Erdal.
Der Ruf eines Eistauchers schallte herüber. Erdal sah kurz in die Richtung des Vogels und als er erneut zu der Gestalt blickte, war sie verschwunden.
Er schluckte.
Eilige Schritte näherten sich und entfernten sich wieder. Erdal wirbelte herum. So sehr er sich auch anstrengte, etwas durch die dichten Nebelschwaden zu erkennen, es gelang ihm nicht.
»Bist du das, Kleiner?«
Keine Antwort.
Erdal drehte sich um die eigene Achse und schrak vor etwas zurück, das sich als Baumstumpf entpuppte.
Beruhige dich, sagte er sich, das ist, als befändest du dich in einem Geisterhaus. Du glaubst nur, diese Dinge zu sehen und zu hören, weil dein Unterbewusstsein sie aus einer Vielzahl von Horrorfilmen heraufbeschwört. Das ist nicht echt!
Ein neues Geräusch ertönte. Dieses Mal so laut, dass es wirkte, als stünde jemand hinter ihm und würde ihm in den Nacken Schnaufen. Ein Geräusch wie eine alte Eisenbahn, die Fahrt aufnimmt. Erdals Puls schoss in die Höhe und sein Körper verwandelte sich in Gummi. Er schrie auf, rannte los, fuchtelte mit den Händen herum, in der abstrusen Hoffnung, den Nebel so zu vertreiben. Der Nebel blieb, verdichtete sich sogar. Die Temperatur sank immer weiter. Kälte drang in Erdals Innerstes ein und breitete sich aus. Sein Hals kratzte und seine Lungen pochten schmerzhaft. Da stieß er gegen etwas und stürzte mit einem schrillen Aufschrei zu Boden.
Wimmernd hielt er sich den schmerzenden Fuß. Erst da bemerkte Erdal, dass ihm das, was auch immer hinter ihm gestanden hatte, nicht gefolgt war. Alles, was er hörte, war sein eigenes Keuchen.
Er rappelte sich auf und stöhnte, als ein heftiger Schmerz vom Zeh durchs Bein flammte. Langsam humpelte er weiter.
Nur noch wenige Meter, ich weiß es, nur noch wenige Meter, versuchte Erdal sich zu beruhigen, doch seine Gedanken glitten immer wieder zu dem seltsamen Geräusch, das ihn fast zu Tode erschreckt hatte. Was mochte das gewesen sein? Ein Tier? Sicher kein kleines Kaninchen, das über den Pfad gehoppelt war, um wieder im nächsten Gebüsch zu verschwinden. Es hatte wie ein Schnaufen geklungen. Ein menschliches Schnaufen und gleichzeitig so unmenschlich, dass sich ihm die Brust zuschnürte, wenn er nur daran dachte.
Erdal humpelte weiter und gerade, als er sicher war, auf ewig dazu verdammt zu sein, durch den Nebel zu irren und von etwas Unbekanntem verfolgt zu werden, tauchten die ersten Umrisse der kleinen Siedlung auf.
Vor Erleichterung vergaß Erdal einen Augenblick, dass er verletzt war, und trat mit dem angeschlagenen Fuß auf. Neuer Schmerz durchfuhr sein Bein. Er ächzte und zwang sich langsamer voran zu hinken.
Den Rest des Weges blieb er von weiteren Vorfällen verschont. Vor Erleichterung seufzend steckte er den Haustürschlüssel ins Schloss und trat in seine Wohnung. Er schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch. Die Angst fiel von ihm ab, sodass er sich leicht und zufrieden fühlte. Er freute sich sogar darauf, Ellie zu sehen.
»Ellie?«
Keine Antwort.
»Ellie, ich bin wieder da. Wo steckst du?«
Nichts.
Erdal stutzte und humpelte durch die Wohnung. Er suchte jeden Raum ab – ohne Erfolg. Ellies Handy lag auf dem Küchentisch. Er betrachtete es eine Weile, dann nahm er sich seins, das direkt daneben lag und wählte die Nummer seiner Schwiegermutter.
Es klingelte achtzehn Mal, ehe er auflegte.
Dann rief Erdal seinen Vater an.
Niemand nahm ab.
Er wählte eine zufällige Nummer aus den Kontaktdaten und auch hier nahm niemand ab.
Die Angst kehrte zurück und drohte, ihn zu ersticken. Wo waren die alle? Er öffnete das Tastaturfeld und gab eine willkürliche Nummer ein. Es läutete. Nach fast zwei Minuten gab er es auf.
Erdal zwang sich, ruhig zu bleiben, was ihm nur mäßig gelang. Es konnte sich nur um einen Zufall handeln, dass alle gleichzeitig ausgeflogen waren. Er würde eine Weile warten und es dann erneut probieren. Irgendwann würde schon jemand abnehmen. Es konnten schließlich nicht alle Menschen gleichzeitig von der Erde verschwunden sein, bis auf ihn.
Er drehte sich um und erstarrte.
Nebel drang durch das Fenster herein. Es kam durch den Wasserhahn und aus dem Abfluss. Es kam aus jeder Öffnung des Hauses.
Der Nebel kam, um auch ihn zu holen.

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