Es riecht nach Tod

Januar 2020
Klippe
Referendar
Eifersucht

 

Es sollte der perfekte Urlaub werden. Raus aus dem verregneten Alltag, weg von den quälenden Schuldgefühlen, die an seinem Verstand nagten. Nur er und Berge von Schnee.
Rune richtete die Schneebrille. Er watschelte auf Skiern Richtung Abhang, ließ die Umgebung auf sich wirken und reckte die Nase in den Wind. Es duftete nach Winter. Nicht wie zuhause, wo es am Heiligen Abend frühlingshaft gewesen war und es seit einem Monat dauerregnete.
Und vor allem roch es nicht nach Tod.
Die Schneeschuhe drückten ein wenig und sein Helm war eine Nummer zu groß, doch das kümmerte Rune kaum. So etwas passierte eben, wenn man sich Ausrüstung lieh, statt sich selbst welche zuzulegen. Er würde dennoch eine Menge Spaß haben. Der erste Skiausflug seit Jahren. Gleich zeigte sich, ob es sich wie mit dem Fahrradfahren verhielt: Entweder, er konnte es noch oder er blamierte sich gewaltig. Immerhin würde er weich fallen.
Mit einem kräftigen Stoß setzte sich Rune in Bewegung. Für den Bruchteil einer Sekunde schwebten die Spitzen der Ski über dem Abgrund, und genauso schnell zuckte das Bild einer Hängebrücke vor seinem inneren Auge auf, ehe er sich nach vorne neigte und die Piste hinunterpreschte.
Vor ihm erstreckte sich eine weiße Welt. Keine Menschenseele befand sich neben ihm auf dem Hang, was ungewöhnlich war, war er eben noch von einer ganzen Horde umgeben gewesen.
Kurz fragte er sich, ob er sich für die falsche Skipiste entschieden hatte, oder ob sie gesperrt sein könnte. Würde es Ärger geben? Dann schüttelte Rune den Kopf und grinste. Er machte sich dauernd zu viele Gedanken. Am Ende eines jeden Jahres nahm er sich zum Vorsatz, weniger nachdenklich zu sein und verfiel schon am nächsten Tag in alte Muster.
Diese ständige Angst etwas falsch zu machen erschwerte zudem die Arbeit an der Universität. Wenn er erst einmal kein Referendar mehr war, sagte er, wo es langging. Noch lachten alle ihn aus, tuschelten hinter seinem Rücken über ihn (Mit einer geschmeidigen Bewegung wich Rune einem Baum aus.). Taxierten ihn mit vorwurfsvollen Blicken. Damit war bald Schluss!
Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Er blickte in die Richtung, konnte jedoch nichts erkennen. Weiß, weiß und nochmehr weiß. Hie und da ein Bäumchen, das wie die Kreatur einer fremden Welt regungslos verharrte und ihn beobachtete.
Er preschte an einem vorbei und erhaschte einen genaueren Blick darauf. In grotesker Weise erinnerte das kahle Gewächs an einen Menschen; mumiengleich, ausgemergelt. Die ›Arme‹ im rechten Winkel von sich gestreckt. Es erinnerte an … Rune fröstelte und konzentrierte sich weiter auf die Fahrt.
Seltsam, dass es überhaupt Bäume auf der Piste gab. War das nicht zu gefährlich? Und wieso sahen sie alle gleich aus? Rune überblickte die Strecke. Immer mal wieder tauchte einer auf, als sei er eben erst aus dem Schnee geschossen. Als würde ein und derselbe Baum an unterschiedlichen Stellen aus dem Boden sprießen.
Rune schüttelte den Kopf. »Du spinnst«, sagte er, seine Stimme klang gedämpft und zittrig.
Mit einem Mal erschien ihm die Piste endlos. So hoch war der Berg doch gar nicht, müsste er nicht langsam unten angekommen sein?
Wieder huschte etwas vorbei.
Rune schwankte und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Durch ein hilfloses Rudern mit den Armen, die Skistöcke fest umklammert, und einem Ski in der Luft, gelang es ihm gerade so, die Balance zu halten.
Er blickte wieder nach vorne – und steuerte direkt auf einen Baum zu.
Rune legte all sein Gewicht aufs linke Bein; es gelang ihm, auszuweichen, doch der rechte Ski streifte den Baumstamm. Erneut strauchelte er, ruderte umher, die Skistöcke entglitten ihm, versanken im Schnee – ein Sturz war unausweichlich. Da traf sein Körper auch schon auf den Boden, der sich überraschend hart anfühlte und ihm einen rasenden Schmerz durch Schulter und Hüfte jagte.
Eine Weile blieb er regungslos liegen, rang nach Atem. Kälte suchte ihren Weg durch Runes Kleidung und unter Helm und Brille. Fröstelnd setzte er sich auf, dann stutzte er. Nichts, als Weiß hinter ihm zu sehen. Vor ihm entdeckte er in der Ferne das Ende der Piste. Keinen Baum.
Er hob die Hand, um sein Gesicht von Helm und Brille zu befreien, als er einen Büschel Haare an seinen Handschuhen bemerkte.
Rune schrie auf. Er schüttelte wild die Hand, wich zurück, die Ski verhinderten, dass er aufspringen konnte. Schnaufend sah er sich um. Die Haare. Sie waren verschwunden.
Unbeholfen kroch er durch den Schnee, tastete umher, fluchte. Das konnte doch nicht sein. Hatte er sich das Büschel eingebildet?
»Ich verliere den Verstand …«
Schritte im Schnee.
Rune wirbelte herum und schnappte nach Luft. Ein Baum ragte etwa zehn Meter hinter ihm empor. Er schien auf ihn herabzusehen. Eine verhärmte Gestalt, mager, von Krankheit gezeichnet. Einer der Äste zeigte auf ihn, schien ihn anzuklagen. Ein beißender Gestank schwebte herüber. Es roch wie verwesendes Fleisch.
»Nein«, keuchte Rune.
Endlich gelang es ihm, aufzustehen. Er machte sich nicht die Mühe, nach den Stöcken zu suchen. Ein Knacken folgte. Fast, als wäre der gesamte Abhang dabei einzustürzen. Als würde sich hinter ihm ein Abgrund auftun, wie eine Klippe über der tosenden See. Breiter und breiter, bis ihm der Boden unter den Füßen weggerissen wurde und er hinabstürzte. Das Knacken wurde lauter. Bröckelndes Geröll. Der Wind, der zu einem Heulen anschwoll. Dumpfe Laute aus der Dunkelheit wie ein Stöhnen.
Rune wagte es nicht, sich umzudrehen. Er raste die Piste hinab. Er wusste, dass innerhalb der Dunkelheit etwas lauerte. Der Geist eines alten Freundes. Wütend, rachsüchtig. Er würde ihn mit sich ziehen.
Vor seinem inneren Auge formte sich ein Film. Er bewegte sich langsam auf ein Bett zu. Darin lag eine Gestalt, die kaum mehr menschlich wirkte. Büschelweise lag das Haar auf dem Kissen verteilt. Das Gesicht eingefallen und totenschädelartig, die Haut wie Leder. Die Hände knochige Klauen. Rune konnte ihn riechen. Er roch nach Tod.
Vorsichtig näherte er sich dem Bett, betrachtete die arme Kreatur, der nur noch wenige Tage oder vielleicht nur Stunden blieben. Und plötzlich schoss eine der Klauen hervor und umfasste Runes Handgelenk mit erstaunlicher Kraft.
»Ich weiß, was du getan hast«, krächzte die Kreatur. »Du vögelst meine Frau!« Ihre Stimme wurde von Wort zu Wort lauter, kräftiger, schwoll zu einem Kreischen an. Da löste sich die Klaue von Runes Handgelenk und sank aufs Bettlaken zurück.
Rune keuchte. Die Erinnerungen überschwemmten ihn. »Es tut mir leid«, flüsterte er wieder und wieder wie eine Art Mantra. »Es tut mir leid.«
Das Ende der Piste näherte sich ihm mit rasender Geschwindigkeit. Menschenmassen warteten dort unten, unterhielten sich und wirkten unbeschwert.
Es gelang ihm nur schwer, zu bremsen, und er stürzte erneut. Rune rollte sich auf den Rücken und hielt die Hände schützend vor das Gesicht. »Bitte! Bitte nicht!«, brüllte er.
Weiß. Nichts als Weiß. Kein Riss, der sich durch den Abgang zog wie eine tiefe Wunde. Kein Baum, der aus dem Boden ragte.
Eine Hand legte sich auf Runes Schulter und er wirbelte herum. »Es ist meine Schuld!«, kreischte er. »Meine! Es war die Eifersucht, verstehen Sie?« Er griff nach der Hand der Frau, die ihn an der Schulter berührt hatte, doch sie wich zurück. Ihr eben noch sorgenvoller Gesichtsausdruck verwandelte sich in blankes Entsetzen.
»Ich wollte sie. Ich wollte sie unbedingt, weil sie unerreichbar war.« Er streckte die Hand aus, suchte nach Verständnis in den Blicken der Anwesenden – vergeblich. Speichel rann ihm über das Kinn. »Ich dachte, ich liebe sie. Wirklich! All die Jahre unserer Freundschaft über! Ich wollte nichts falsch machen. Nichts falsch … und dann kam der Krebs. Er fraß ihren Mann auf. Er starb doch ohnehin! Ich wollte sie glücklich sehen. Ich wollte glücklich sein, wie sie es waren. Wollte eine Beziehung, wie sie sie hatten.« Rune kroch durch den Schnee. Die Leute wichen vor ihm zurück. »Aber als ich sie hatte, war alles anders … Sie verlor erst ihren Mann und dann noch mich. Also sprang sie. Sie sprang von der Brücke. Das ist meine Schuld! Es ist meine Schuld! Es ist meine Schuld!«
Starke Hände packten ihn. Hievten ihn hoch. Er ließ es geschehen, ließ sich von ihnen forttragen und immer wieder schrie er: »Es ist meine Schuld!«

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